Bekomme ich das von Ihnen nicht?

Wir haben da einen Kunden, den finde ich ehrlich gesagt – unmöglich. Das passiert bei mir ausgesprochen selten – vielleicht ist er darum schon bemerkenswert.

Und wieso finde ich ihn so unmöglich? Er ist oft unhöflich zu meinen Angestellten – beklagt sich bei den anderen über diejenige, die ihn vorher bedient hat, zum Beispiel dass die ihm nicht richtg herausgezählt hat. Also: nicht falsch im Sinne von die falsche Menge, sondern nicht nach seiner Methode. Er macht andere Angestellte runter Die muss ich ja nicht fragen, die ist ja nur Pharmaassistentin / nur Drogistin – die weiss das sowieso nicht …" – dabei kann die betreffende Person tatsächlich in Hörweite stehen, das kümmert ihn gar nicht.

Ich als Apothekerin bin aber auch nicht so seine Lieblingsangestellte – zu alt wahrscheinlich. Er (selber über 70) steht auf die jungen Lehrlinge, die er auch schamlos anmacht … wenn die nur nicht das Problem hätten, dass sie noch nicht alles wissen, würde er wohl nur mit denen kommunizieren in der Apotheke.

Er selber weiss natürlich alles am besten – er war nämlich Pfleger in einem Krankenhaus (oder so) vor allerdings einigen (vielen) Jahren.

Heute hatte ich gezwungenermassen das Vergnügen mit ihm. Wahrscheinlich bin ich nicht schnell genug verschwunden – oder besser: die anderen haben ihn zuerst gesehen und waren schneller weg.

Herr Tswerg: „Könnten Sie mir das XYZ bestellen?“ (ein freiverkäufliches Beruhigungsmittel)

Pharmama: „Natürlich.“

Herr Tswerg: „Das kostet 12 Franken 30, nicht?“ (Das weiss er. Wehe wenn einmal von etwas der Preis wechselt!)

Pharmama: „Ja, für 50 Stück. Es ist morgen früh hier.“

Ich kassiere ein – wobei ich ihm einzeln herauszähle und den Kassabon (laut ihm) richtig mache.

Aber er ist noch nicht fertig.

Herr Tswerg:  „Ich habe doch eine Wunde am Bein.“

Pharmama:  „Ja?“

Herr Tswerg:  „Die ist jetzt ziemlich zu, aber ich habe geschwollene Beine – wissen Sie?“

Aha.

Herr Tswerg:  „Und dafür brauche ich eine Packung Lasix.“ (Dasi st ein wasserabführendes Mittel, ziemlich stark).

„Haben Sie die auf Rezept?“ Frage ich

Herr Tswerg:  „Nein, dafür habe ich kein Rezept.“

Pharmama:  „Das ist rezeptpflichtig. Dafür brauche ich eines.“

Herr Tswerg:  „Das habe ich vom Arzt immer auch ohne bekommen.“

Pharmama:  „Nun, dann ist es sicher kein Problem, dass er ihnen das aufschreibt, sie können ihm auch sagen, er kann das faxen.“

Herr Tswerg: „Aber so eine kleine Packung. Das braucht doch kein Rezept für die paar Tabletten. Ich kenne das ja!“

Pharmama:  „Nun, es kommt ja auch nicht auf die Menge Tabletten an, ob das rezeptpflichtig ist. Aber das kennen sie bestimmt auch – denken sie nur mal an die Digoxin Tabletten …“

Herr Tswerg: „Aber der Arzt hat mir das immer gegeben, wenn ich es haben wollte. Direkt.“

Pharmama:  „Nun …“ (darauf lasse ich mich jetzt nicht ein. Ein SD Arzt halt) – „dann können Sie es ja auch direkt von ihm holen gehen.“

Herr Tswerg:  „Aber dafür habe ich keine Zeit.“

Pharmama:  „Dann können Sie das Rezept ja auch hierherfaxen lassen. Das geht schnell.“

Herr Tswerg:  „In der Klinik wo ich früher gearbeitet habe, habe ich das Lasix und alles andere auch immer ohne Rezept bekommen.“

Pharmama: „Vielleicht können Sie da fragen, ob sie es ihnen geben.“

Herr Tswerg: „Das würden sie bestimmt. Ich brauche ja auch nicht viele, nur eine kleine Packung.“

Pharmama:  „Na dann machen Sie das doch."

Herr Tswerg:  „Aber jetzt bin ich hier.

Pharmama:  „Ja, und ich brauche dafür ein Rezept, weil es rezeptpflichtig ist.“

Herr Tswerg:  „Wissen Sie, früher hatte ich einmal eine Woche lang üblen Durchfall. Und nichts hat geholfen. Und dann bin ich an den Medikamentenschrank in der Klinik gegangen, als die Oberschwester einmal nicht auf den Schlüssel aufgepasst hat und habe etwas von der Opiumtinktur genommen, danach war das sofort weg … ich wusste, dass das wirkt.“

Pharmama:   „Ja, ich kann mir vorstellen, dass das gegen Durchfall wirkt. Allerdings dürften sie mit so einem Vorgehen heute eine Menge rechtliche Probleme bekommen.“ (Und es zeigt mir auch, dass seine „Pflegerjahre“ schon einige Jährchen her sind. Opiumtinktur?! :-) )

Er überlegt „…Aber dann müsste ich dahin fahren – und das ist weit und kostet. Muss ich wirklich ein Rezept ausstellen lassen? Der Arzt kostet nämlich auch!“

Pharmama:  „Oh, sicher verlangt der auch etwas dafür. Ist ja auch Arbeit für ihn.“

Herr Tswerg:  „Aber ich hatte das schon.“

Pharmama:   „Auch von einer Apotheke? Vielleicht könnten sie da nachfragen, wenn sie es schon einmal hatten …“

Herr Tswerg: „Nein. Das habe ich noch nicht bekommen. Aber auf einem Fest habe ich einmal einen Apotheker getroffen. Der hat mir gesagt – wenn er wüsste, dass ich es schon einmal gehabt hätte, würde er es mir geben!“

Pharmama:   „Ja, und wenn ich hier sehen würde, dass sie das schon einmal von einem Arzt verschrieben bekommen hätten, würde ich das vielleicht auch. Aber so: Nein.“

Und dabei blieb’s.

Nachtrag: Er war inzwischen auch wieder beim Arzt und nein, auch von dem hat er kein Lasix bekommen – weder direkt noch aufgeschrieben …

16 Antworten auf „Bekomme ich das von Ihnen nicht?

  1. Opium-Tinktur erlebt gerade eine Renaissance, habe ich das Gefühl. In irgend einer Fachzeitschrift muss gestanden haben, wie gut die wirkt… und nun wird sie scheinbar in verschiedenen Ecken D´s wieder verschrieben.

    Aber schon damals dürfte sein Vorgehen zu schweren Suchaktionen nach dem Junkie auf der Station geführt haben. Und jemandem, der Medikamente auf seiner alten Station GEKLAUT hat, dem das bewusst war („habe gewartet, bis die Oberschwester weg war“), dem gibt man doch gerne verschreibungspflichtige Medis ohne Rezept. Und bezahlt hätte er die wahrscheinlich auch nicht – denn wenn er auf Station an den Medi-Schrank gegangen ist, so die Oberschwester gerade nicht schaute, musste er ja anschließend auch nichts in die Kaffeekasse werfen…

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    1. Genau. Und Geklaut ist auch richtig hier.
      Für was verschreiben die denn die Opiumtinktur? Auch gegen Durchfall?

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      1. Ich peil mal über den Daumen: JA. Ich habe auch nur in geschlossenen Foren drüber gelesen, aber das scheint im Kommen zu sein. Vielleicht ist es ja auch wieder so eine Eintagsfliege, wo alle „jüngeren Arzt-Kollegen“ das nun einmal selbst ausprobieren müssen, um festzustellen, dass „so viel wohl doch nicht dran ist“. Ich kann da nur abwarten und die Entwicklung beobachten. Eine passende (positive) Studie kenne ich zumindest nicht…

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      2. Bei uns in der Klinik (in einem deutschen KH) bekommen das oft Colitis-Patienten gg ihren Durchfall…

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      3. Hatte ich im letzten halben Jahr 2x ,dass Heimpatienten (von verschiedenen Aerzten in verschiedenen Heimen) Opium tinktur gegen chronischen Durchfall verschrieben bekamen. Beides mal aus verschiedenen Kantonsspitälern verschrieben…..

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  2. Ich wäre für deinen Job nicht geeignet. Spätestens nach dem zweiten „das ist rezeptpflichtig“ hätte ich ihn gefragt, ob er sie noch alle an der Waffel hat und dass er jetzt endlich verschwinden möge.

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    1. Andere Branche, aber: Ich wundere mich selbst manchmal im Nachhinein, wie lange ich manches Spiel mittreibe. Wenn man professionell handelt und cool bleibt führt eigentlich aber auch kein Weg vorbei. Im Zweifelsfall sind ja auch andere Kunden in der Nähe, also kann man nicht laut werden oder das Gespräch einfach abbrechen.

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      1. Nun ja – als das letzte Mal ein Kunde zu mir sagte: „Leck mich doch am A…h, du dumme Kuh!“ da war ich auch nicht mehr besonders freundlich..! Darauf bin ich im Nachhinein nicht gerade stolz, aber in solchen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren, das ist halt nicht immer gerade einfach…

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        1. Nun, das wäre eine direkte und persönliche Beleidigung, da wäre ich dann wahrscheinlich auch nicht mehr sehr geduldig. Da wäre die Reaktion wohl auch: Da hinten ist die Türe. Gehen Sie. Jetzt.

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  3. Aha! Also doch kein Rezept vom Arzt bekommen… Wer hätte es gedacht?! ;-)
    Aber einer, der Opiate klaut, bei dem sollte man davon ausgehen, dass er mit der Wahrheit eher etwas sparsam umgeht…

    Wir haben da ein ähnliches Modell bei uns – allerdings ohne Probleme mit Opiaten bisher
    :
    Ein nicht-eben-schlanker älterer Mann deutscher Nation, der sich beschwert hat, dass eine unserer Angestellten zu dick sei und dass auch Ausländer bei uns in der Apotheke arbeiten! (Da mag einer sein Spiegelbild wohl nicht?!)
    Er beschwert sich über falsche Beratung von der Frau „da hinten“ – welche ein (durch die Bemerkung ganz erschreckter) Schnupperstift ist und heute den ersten Tag hat und bestimmt noch keinerlei Kundenkontakt hatte!
    Bei uns ist alles schwierig, teuer, mühsam und furchtbar – und trotz einiger anderer Apotheken im Umkreis kommt er seit Jahren zu uns… Vielleicht sind wir die am wenigsten furchtbarste Apotheke hier?! – Ich nehme das mal als Kompliment… ;-)

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    1. Oh, der arme Schnupperstift! Allerdings hat er sich damit grad selber ein Ei gelegt, der liebe Kunde …

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      1. Ich arbeite im Krankenhaus und wir haben auch ständig solche Patienten. Die Patienten werden irgendwann entlassen und müssen ja wohnen.

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  4. Ich glaube, von dem hast du schon mal erzählt wegen der Macke mit dem Wechselgeld und dem Kassenbon?
    Kürzlich hat bei uns eine Frau ungelogen 10 Minuten wie eine Gebetsmühle ständig die gleichen (Nicht-)Argumente wiederholend meine Chefin belagert, weil sie 3 Franken Mahngebühr nicht zahlen wollte.
    Chefin hatte den längeren Atem ;-)

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  5. Und dann gibts ja auch noch die, die weder zum Arzt gehen, noch in der
    Apotheke auffallen wollen… Die dann telefonisch oder noch schöner per
    Brief als Privatperson beim Hersteller Medikamente bestellen wollen.
    Weil „Wieso, Sie verkaufen die doch!?! Ist doch egal, ob ich die in der
    Apotheke hole oder telefonisch bestelle“.

    Die wollen (den Grund stelle ich mal frei) möglichst wenig Beratung, sind aber die ersten, die schreien, wenn irgendwas ist.

    (So, und warum bin ich jetzt zu doof, mich mit meinen Disqus-Daten anzumelden?)

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  6. Opiumtinktur ist mir in meiner – bislang noch recht überschaubaren – Offizin-Karriere auch schon mehrfach über den Weg gelaufen. Soweit ich weiß bekommt die Kundin es aber als Schmerzmittel.

    In den letzten Wochen durfte ich mir nur Vorwürfe anhören, warum wir die Salbe nich mal eben einfach so herstellen können, die der Kunde möchte. Immerhin hat er die leere Kruke ja schon als Muster mitgebracht. Da steht auch groß und orange „Verschreibungspflichtig!“ drauf. Aber er ist ja Tourist und bräuchte die jetzt. Wir sind ja sowas von unkooperativ…

    Ein anderer Tourist (in diesem Fall auch mit leichter Sprachbarriere) fand mich unmenschlich, weil ich ihn als Diabetiker diskriminiere, indem ich ihm das Metformin nicht gebe. Es sei ja keine Schande, Diabetes zu haben.

    Als echte Notfälle gelten bei mir Medikamente wie z.B. Insulin, Nitrospray oder Salbutamol. Das hat dann auch der schnöselige Zahnarzt bekommen. „Natürlich darf ich das so kaufen. Holen Sie jemanden her, der Ahnung hat. Ich brauch das jetzt.“

    Wie sagte Jürgen von der Lippe so schön: Was sind schon Ärzte?! Das sind ehemalige Medizinstudenten! :D

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