Über das 190 Millionen Euro-„Geschenk“

Ich bin Apothekerin in der Schweiz, aber natürlich interessiert mich, was ‚äne a dr Grenze‘ – in dem Fall Deutschland so läuft. Da bekomme ich natürlich aus den Medien mit, wie sich die Öffentlichkeit über das „190-Millionen-Geschenk“ an die Apotheken aufregt. Es geht um die 25 Cent mehr, die Wirtschaftsminister Rösler den Apotheken „gönnt“.*

Mehr zufällig bin ich über dieses youtube Video gestolpert, in dem Ann-Katrin Kossendey (eine deutsche Apothekerin) gut beschreibt, um was es da eigentlich geht. Unbedingt Anschauen!

Ich denke das ist eine realistische und sehr gut herübergebrachte Beschreibung der Situation.

Toll gemacht!

* Entschuldigt bitte die übertriebene Verwendung von Anführungszeichen, aber die kennzeichnen in dem Fall nicht nur Zitate, sondern ich will den Inhalt wirklich ironisch verstanden wissen.

Apotheken aus aller Welt, 250: Wittenberg, Deutschland

Besten Dank an Kerstin für die nächsten 2 Apotheken, die erste hier:

Ich war letzens in der Lutherstadt Wittenberg und war ganz überrascht, dass der Maler Lucas Cranach d. Ältere auch Apothekenbesitzer war (neben Maler, Grafiker, Buchhändler, Verleger, Politiker,….). Die Apotheke selber wurde von seinem Schwiegersohn betrieben und es wurden neben Arzneimitteln auch noch Farben, Papier, Wein und viele andere Dinge verkauft.

Das scheint ein richtiger Allrounder gewesen zu sein. Sich eine Apotheke zuzulegen (respektive für den Schwiegersohn) war damals wahrscheinlich eine ziemlich lohnende Entscheidung. (Heute nicht mehr so).

Rabattvertrags-Diskussionen … ein lebensnahes Beispiel

Heute habe ich das Vergnügen einen Gastbeitrag anzukündigen. hat einen eigenen Blog, ist PTA in Deutschland in einer kleinen Dorfapotheke und beschreibt hier wunderbar, was die Rabattverträge in den Apotheken für Folgen haben:

Ich bin mir vollkommen darüber im Klaren, dass es auch nach all den Jahren, die es sie jetzt schon gibt, immer noch sehr verwirrend ist mit den Rabattverträgen und grade für ältere (oft multimorbide) Leute wirklich sehr schwer ist, sich ständig an andere Schachteln, manchmal sogar an andere Farben, Darreichungsformen, oder was auch immer zu gewöhnen. Ja, ich verstehe das wirklich und ich wäre ja auch froh, wenn ich jedem immer seine gewohnten Medikamente geben könnte, aber so langsam aber sicher macht die Diskutiererei Tag für Tag keinen Spaß mehr. Ich fange schon an zu klingen, als würde ich ein Tonband abspielen, wenn ich es immer wieder erkläre (Witzigerweise immer den selben Leuten, denen man es jede Woche erklären darf) und ich habe inzwischen einen Informationszettel ausgelegt, den ich den Leuten, die immer wieder diskutieren, kategorisch in die Tüte stopfe.

Bei denen, die immer wieder kommen und oft neue Sachen nehmen müssen, da verstehe ich es wirklich.

Etwas nervig wird es dann aber bei denen, die ein vollkommen neues Medikament auf das Rezept geschrieben bekommen, beispielsweise, weil der gute Herr Doktor festgestellt hat, dass der Blutdruck so langsam dann doch bedenklich in die Höhe geschossen ist.

Folgende Diskussion durfte meine Kollegin gestern führen:

Frau kommt in die Apotheke, auf dem Rezept (das wohlbemerkt für ihren Mann ist) ein Blutdruckmittel von unseren Freunden aus Holzkirchen, ausgestellt von einem Arzt, drei Stunden Autofahrt weg von unserer Apotheke, kein aut idem Kreuz, keine weiteren Hinweise außer die Dosierung. Sie gibt es ins Programm ein und unser Kassenprogramm spuckt ihr einen Rabattvertag mit den Zwillingen aus, also geht sie und holt das Medikament in der Version von Ratiopharm.

Frau: (argwöhnisch die Schachtel betrachtend) “Ist das das, was der Arzt auf das Rezept geschrieben hat?”

Kollegin: “Ja.” (Weiß schon, was gleich kommt)

Frau: “Aber auf dem Rezept steht Hexal und auf der Schachtel Ratiopharm. -”

Kollegin: (Unterbricht, bevor die Litanei los geht) “Das ist richtig, aber ihre Krankenkasse hat aktuell einen Rabattvertrag mit Ratiopharm und der Arzt hat auf dem Rezept einen Austausch nicht ausgeschlossen und dann müssen wir uns nach dem richten, was die Krankenkasse vorschreibt.”

Frau: “Aber auf dem Rezept steht Hexal und (Jetzt kommt mein Lieblings-Totschlag-Argument) der Doktor wird sich ja was dabei gedacht haben, wenn er das so aufschreibt.”

Kollegin: (Innerlich die Augen verdrehend) “Nein, den dann hätte er ja das Kreuz hier gemacht. (Deutet auf das aut idem Feld) So wie es hier steht, geht es ihm nur um den Wirkstoff, und der ist bei beiden Medikamenten gleich.”

Frau: “Ist das denn eine Kostenersparnis?”

Kollegin: “Die 5 Euro Rezeptgebür müssen Sie für beide bezahlen, wenn Sie das meinen.”

Frau: “Ja dann kann ich doch auch das von Hexal bekommen.”

Kollegin: “Nein, weil die Krankenkasse das andere im Rabattvertrag hat.”

Frau: “Ja ist das von Hexal denn teurer?”

Kollegin: “Nein, darum geht es ja auch gar nicht. Sehen Sie, es ist so, dass die Krankenkassen mit bestimmten Firmen Verträge abschließen und denen zusichern, dass Sie ihre Versichtern… (Bitte hier Standart-Erklärtext “Rabattvertrag” einfügen)

Frau: “Und wenn mein Mann die nicht verträgt? Wissen Sie ich habe so viele Allergien und von der Firma da habe ich schonmal ein Medikament nicht vertragen. Mein Mann…”

Kollegin: “Hat ihr Mann denn schon einmal auf ein Medikament reagiert?”

Frau: “Nein, aber ich kenn das von mir und…”

Kollegin: “Dann versuchen Sie es doch erst einmal mit dem und wenn er es wirklich nicht verträgt gehen sie zu Ihrem Arzt und lassen sich das nächste Mal ein aut idem Kreuz geben. Ihr Mann bekommt dieses Medikament aber zum ersten Mal, also können wir ja nicht davon ausgehen, dass er es nicht verträgt. Das muss man erst einmal sehen. Wenn Sie aber gleich so an die Sache ran gehen, dann…”

Frau: “Aber ich habe sooooooo viele Allergien.”

Kollegin: (Langsam aber sicher genervt) “Das Medikament ist aber für Ihren Mann.”

Frau: (wieder zurück zur alten Leier) “Ist das von Hexal denn wirklich so viel teurer?”

Kollegin: “Darum geht es nicht…”

Frau: “Aber warum kann ich dann das von Hexal nicht…”

Kollegin: “Wenn Sie es von Hexal wollen, dann müssen Sie das Rezept wieder mit zu Ihrem Arzt nehmen, sich das aut idem ankreuzen und einen Stempel geben lassen. Dann können wir Ihnen das auch mitgeben, sonst nicht.” (Endgültig, sie hat nämlich keine Lust mehr zu diskutieren)

Frau: “Aber es sind drei Stunden Fahrt zu unserem Arzt.”

Kollegin: “… Ich spreche mit dem Chef.”

Sie geht zum Chef, spricht kurz mit ihm. Ich sitze grade am Rechner in der Nähe des Büros und habe schon vorher gehört, wie er gestöhnt hat, während er die Diskussion verfolgt. Ihm geht sowas schneller auf die Nerven als uns ^^ Er sagt auch, dass wir nicht ständig für die Leute die Rezepte einschicken können. Entweder sie nimmt das, was im Rabattvertrag ist, oder sie besorgt sich Kreuz und Stempel. Außerdem meint er, die Frau solle sich einen Infozettel mitnehmen.

Kollegin: “Nein, der Chef sagt auch, dass wir da nichts machen können.”

Frau: (eindeutig angefressen) “Na gut, aber wenn mein Mann eine Allergie bekommt, dann-”

Kollegin: “Sprechen Sie mit Ihrem Arzt und lasse Sie das untersuchen. Das sind dann 5 Euro Zuzahlung.”

…. Ernsthaft… wenn Sie auch eine Überreaktion auf ich weiß nicht was in den Tabletten von den Zwillingen (die im Übrigen einen ganz anderen Wirkstoff etc hatten) gezeigt hat, warum geht sie dann sofort davon aus, dass das bei ihrem Mann auch so ist?

Naja, vielleicht, wenn es noch 20 Jahre Rabattverträge gibt… vielleicht hat es dann mal jeder mitbekommen. Solange erklären wir eben weiter und verteilen Infozettel ^^

Lebensecht, nicht? Da freut man sich als Schweizer Apothekerin doch schon darauf, was da kommen mag, wenn bei uns eingeführt wird, dass wir nicht mehr die Generika selbst aussuchen dürfen ….